Der Gesell-Traum des Freigeldes in der praktischen Umsetzung

Seit über Hundert Jahren geistert in den Zeitläuften die Idee Silvio Gesells der Freiwirtschaft. Er nannete sie gar »Natürliche Wirtschaftsordnung«. Theoretisch mögen seine Ideen und die seiner Vordenker in die richtige Richtung gehen. Eines seiner Hauptforderung ist das Freigeld. Damit ist eine Währung gemeint ohne Koppelung an Gold und mit eingebauter »Inflation«. Der Wert der Währung sollte sich regelmäßig verringern, um Lagerkosten zu simulieren. Die Werterhaltungsfunktion oder Lagerfähigkeit sollte damit abgeschafft werden und die Umlaufzeit gesteigert. Praktische Umsetzungen fanden gewiss in einigen Regionen weltweit statt. Aber alle Umsetzungen waren in nur recht kleinen Regionen vollzogen. Ob die Versprechen der Vorteile eingehalten wurden, ließen sich somit nicht nachvollziehen.

Aber HALT! Seit einigen Jahren gibt es doch einen Großversuch. Gleich drei Währungen nehmen eher unfreiwillg daran teil. Nämlich der US-Dollar, der Japanische Yen und der EURO. Die (Nahe)-Null-Zins-Politik der jeweiligen Zentralbanken bei gleichzeitiger (leichter) Inflation entsprechen den Forderungen Gesells an Währungen. Der Goldstandart ist schon viele Jahre abgeschafft.

Es sollte angesichtes der zum Teil negativen Zinsen ja ein eine Traumzeit für Gesell-Jünger anbrechen. Aber wo sind die Jubelschreie und warum dauert der Aufschwung so lange??

Ist Kapitalismuskritik überhaupt möglich?

Seit 2007 ist Kapitalismus wieder verstärkt in der Kritik. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise hatte sich gezeigt, dass Menschengemachtes immer noch oder immer wieder fehleranfällig ist.

»Tand, Tand / Ist das Gebild aus Menschenhand.«

Aber: Gab es denn jemals überhaupt etwas anderes als Kapitalismus? Auch wenn es manchmal anders hieß, Menschen streben stets nach mehr. Ob mehr Fleisch bei den Jägern und Sammlern, mehr Soldaten als der Nachbarfürst oder mehr Schafe, um die Wolle gegen Tonwaren zu tauschen. Das alles ist Kapitalismus. Im Prinzip sind auch Sozialismus oder Kommunismus nur anderes ausgeprägter Kapitalismus. So wie sich der Kapitalismus auch heute in verschiedenen Ländern anders ausprägt.

Die Kapitalismuskritiker sehen wohl Nachteile des Kapitalismus. Sie zu beseitigen oder zumindest zu mindern, ist nötig und ein normaler Lernprozess. Dennoch darf damit nicht die Hoffnung aufkommen, dass es keine Krisen mehr geben wird.